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Es werden Posts vom Oktober, 2025 angezeigt.

Indras Netz

  Zeit ist eine Täuschung – Musik aber erinnert uns„Wenn alles mit allem verbunden ist – wozu dann noch Zeit?“ Diese Frage stelltsich am Rand der Metaphysik, in der Stille nach einem Konzert, in der Tiefe einer Nacht, in der Indra’s Netz aufblitzt: jenes uralte Bildaus der vedischen Philosophie, in dem jeder Punkt des Universumsjeden anderen widerspiegelt. Unendlich. Glänzend. Ganz.Doch wir leben nicht im Ganzen. Wir leben in Momenten. Und darin: in der Musik.Musik: Ein Netz aus Klang und Gegenwart Musik ist seltsam.Sie braucht Zeit, sie fließt. Und doch hat sie die Fähigkeit, uns aus der Zeit herauszuheben. Ein einziges Themakann einen inneren Raum öffnen, in dem die Zeit nicht mehr vergeht, sondern schwebt. In dem ein Ton – obwohl längst verklungen –nachwirkt wie ein Spiegel im Netz. Eine Erinnerung, die zugleich Gegenwart ist.Ich erlebe dasbesonders in meinen eigenen Kompositionen – etwa in der Serie „Moon Above...“, in der ich meditative Elemente mit scharfen Zeitlinien konf...

Musik als geistige Anschaung - Musik und Archetyp

  Musik als spirituelle Perspektive – das klingt etwas verkopft, überintellektuell, abstrakt und substanzlos. Was ist mit Musik, die das Herz berührt, körperlich wirkt oder Musik „zerlegt“? Was ist mit Reggae, Folk, Dance, Rock, Punk, Pop usw.?  Musik beginnt nicht im Kopf. Sie beginnt im Fleisch. Im rhythmischen Stoß des Herzens. Im Schrei des Neugeborenen. In der Trommel vor der Schlacht. Im Heulen des Wolfes. Und doch entsteht aus diesem ursprünglichen Tierschrei etwas, das dem menschlichen Bild Gestalt verleiht. Nicht durch Konzepte. Sondern durch Formen.  Musik verkörpert Archetypen, bevor sie verstanden werden. Sie malt keine Bilder – sie formt innere Räume. Dort begegnen wir ihnen: der Großen Mutter – im Wiegenlied, dem Krieger – im Marsch, dem Liebenden – in der Klage, dem Betrüger – im Jazz, dem alten Weisen – in der Fuge. Diese Figuren sind nicht erfunden. Sie tauchen auf – immer wieder. Musik ruft sie hervor, als innere Bewegungen. Sie berührt nicht nur das Ohr...

The Temple Towers of Tiruvannamalai – The Aesthetics of a Tesseract

The gopurams of the Arunachaleshvara Temple rise like folded dimensions of the divine. They are not mere towers of stone, but standing mantras — architectural recitations of infinity. Every tier, every sculpted figure is a movement of expansion rather than limitation: upward, outward, inward — simultaneously. In Western geometry, such a form might be called a tesseract — the shadow of a four-dimensional body cast into three-dimensional space. The temple, too, is a projection: a visible cross-section of the unseeable, a tangible surface through which the Divine unfolds itself. What is silence within becomes ornament without. Viewed through the lens of fractal geometry , the towers embody self-similarity — the repetition of divine order at every scale. Each miniature shrine within the larger tower mirrors the whole, like the recursion of a Mandelbrot set: infinite depth within finite form. The cosmic rhythm that builds galaxies also sculpts the small lions and dancers that climb the t...

"Gott und die Ratten"

" Gott und die Ratten '  Norbert Ammermann Im Dreck, im Staub, im Tempel der Ratten - Ein Essay über das göttliche Unerwartete  Ich stand barfuß im Tempel – nicht aus Mut, sondern weil es erwartet wurde. Karni Mata , irgendwo in Rajasthan . Um mich herum: Hunderte, vielleicht tausend Ratten. Manche fraßen, manche lagen still. Manche rannten über meine Füße. Der Geruch war beißend, der Boden feucht. Und ich, als westlich geprägter Theologe , empfand zunächst nur eines: Ekel. Aber ich blieb. Vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht aus Neugier, vielleicht aus Trotz.  Und mit jedem Atemzug – verwirrt, gedämpft, brennend – wich der Ekel einer   anderen Regung. Ich begann nicht, die Ratten zu lieben. Aber ich erkannte, dass  etwas an meinem Ekel nicht stimmte. Er war ein Reflex, kein Urteil.  Und genau in diesem Moment wurde der Ort mir heilig. Nicht schön. Heilig. Heilig, weil die Anwesenheit an diesem Ort meine Kategorien zerlegte. Denn was, wenn Gott nicht nur...

MOON ABOVE

Mit einer Austronautin und einem Austronauten, beide in Form der Pieta im Weltraum schwebend, endet MOON ABOVE. Moon above – Projektbeschreibung Moon above ist eine musikalische Werkreihe, die sich mit politischen, kulturellen und symbolischen Grenzerfahrungen auseinandersetzt. Jeder Teil bezieht sich auf einen konkreten Ort, an dem territoriale, ideologische oder kulturelle Trennung spürbar ist. Die bisher bearbeiteten Orte sind: Tunis, Gaza, Tithwal (Kaschmir), Beijing, Ulaanbaator, Brüssel, der Nordpol und ein abschließender globaler Blick auf die Erde. Die musikalische Besetzung bleibt über alle Stücke hinweg konstant: Violine, Shakuhachi (japanische Bambusflöte), Altstimme, Gitarre und Pauken. Diese Kernformation wird jeweils durch ein Gastinstrument ergänzt, das symbolisch für die kulturelle oder historische Prägung des jeweiligen Orts steht. Eingesetzt werden u. a.: Rahmentrommel (Tunis), Klingreifen (Gaza), Tabla (Tithwal), chinesisches Schlagwerk (Beijing), Pferdeko...

Musik und geistige Anschauung - Musik und Liebe

  Der Geiger im Café unterlegt die Liebe mit einem Klischee. Sein Bogen streicht nicht nur Saiten, sondern Erwartung – wie Zucker über einen ohnehin schon süßen Kaffee. Vogelgezwitscher, duftendes Gras, Waldwiesen – das sind die natürlichen Räume der Liebe. Kein Hallgerät kann den Resonanzraum einer Sommerwiese imitieren. Dort ist Klang nicht Dekor, sondern Atem der Welt. Und dann die kleine Sexte – ein Intervall, das in sich schon eine Bewegung trägt: nicht ganz erfüllt, nicht ganz verloren. Vom Tristan-Akkord, der in seiner Unauflösbarkeit die Liebe ewig hinzieht, bis zur sentimentalen Offenheit des Filmklassikers “Love Story”, wo die Sext fast zu offenherzig wird, spannt sich ein Bogen. Sie klingt wie ein Schritt ins Offene – aber mit einem Blick zurück. Musik und Liebe sind Verwandte, weil sie denselben Widerspruch atmen: Beide sind nicht zu halten, aber jede versucht, sich selbst festzuhalten. Beide leben vom Versprechen – und verlieren etwas, sobald dieses Versprechen ganz er...