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Durga und Trauma (1)

Durga und Trauma (1) / Durga and Trauma (deutsch im Anschluss an den englischen Text) In Indian mythology, the goddess Durga battles the demon Mahishasura. The story is well known. Less familiar is a remarkable detail: the demon repeatedly shifts his shape during the fight. At times he appears as a buffalo. Then as a lion. Then as a warrior. Then as an elephant. Whenever Durga believes she has captured him, he transforms again. For a long time, I viewed this story merely as a mythological fantasy. Today, I wonder if it conceals an astonishingly precise description of psychological processes. Anyone living with trauma recognizes this phenomenon. The original event may have occurred decades ago, yet its effects manifest in ever-changing forms. Sometimes as fear. Then as withdrawal. Then as a need for excessive control. Then as pride. Then as the conviction that one needs no one. Then as the compulsion to understand and explain everything. Then, again, as exhaustion or resignation. The de...
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Durga und Trauma (4) - die Waffen Durgas / Durga and Trauma (4) - The Weapons

Die Waffen Durgas Als die Götter Mahishasura nicht besiegen können, geben sie Durga ihre Waffen. Sie erhält nicht nur eine einzige Waffe. Sie erhält viele. Fast so, als ob die alten Erzähler gewusst hätten, dass es für die Begegnung mit dem Dämon keine einzige Lösung gibt. Traumata verhalten sich ähnlich. Wer versucht, sie ausschließlich durch Verstehen zu bewältigen, scheitert oft. Wer nur fühlt, scheitert ebenso. Wer nur handelt, ebenfalls. Es braucht verschiedene Kräfte. Vielleicht deshalb trägt Durga so viele Waffen. Das Schwert Das Schwert trennt. Es unterscheidet. Es durchschneidet Verwirrung. Bei Traumata könnte dies die Fähigkeit sein zu erkennen: Das geschieht jetzt. Das geschah damals. Diese Angst gehört in die Vergangenheit.  Mein Körper reagiert heute noch so, als wäre die Gefahr gegenwärtig.  Das Schwert trennt Vergangenheit und Gegenwart. C.G. Jung spricht von Bewusstwerdung. Der Mensch beginnt zu unterscheiden:  Was gehört zu mir? Was wurde mir aufgepräg...

Durga and Trauma (3), and Doing Nothing

  (deutsch nach englisch) After I published my last piece on Durga and trauma, I received many well-intentioned suggestions. That I should meditate on Durga. Focus on her. Recite specific mantras. Perform certain exercises. Perhaps all of that helps some people. But my own experience was different. Durga did not appear because I had sought her out. She did not appear after a meditation. Not after a ritual. Not after some special spiritual achievement. She was simply there. In the midst of a phase of life where much was falling apart. In the midst of a time of fear, confusion, and old traumas. The more I think about it, the more it reminds me of a concept from the Protestant doctrine of justification. It is not the human who takes the first step. It is not the human who earns grace. It is not the human who brings about the encounter. It happens. Or it does not. One can open the door. One can become attentive. But one cannot order a sunrise. Perhaps the same applies to Durga. She com...

Durga und Trauma 2

Ein Trauma wird nicht geheilt. Denn Heilung bedeutet in unserem westlichen Sprachgebrauch oft nur: Der Mensch wird wieder zum Funktionieren gebracht. Traumata können jedoch integriert werden. Dann verlieren sie nicht nur ihre zerstörerische Macht. Manchmal werden sie sogar zu einer Quelle von Mitgefühl, Wachheit und innerer Reife. Aber was bedeutet Integration? Es gibt keinen Sieg über ein Trauma. Keine Hollywood-Schlusssequenz. Kein triumphales Finale. Die eigentliche Überraschung besteht vielmehr darin, dass das Trauma seine Größe verliert. Auf diesem Bild zerdrückt Durga beinahe beiläufig den Büffeldämon Mahishasura, der zur Mücke geworden ist. Das ist seine letzte Gestalt. Angst, Ohnmacht, Wut, Scham und Verzweiflung erscheinen nicht länger als eigenständige Mächte, die über das Leben herrschen. Sie werden als Schattenanteile des Ichs erkannt. Sobald das Ich bereit ist, den Schatten anzuschauen, verliert dieser seine dämonische Übermacht. Er kann noch stechen. Aber nicht mehr verhe...

Weihnachtsbrief aus Süd-Indien

Weihnachtsbrief – Die Antwort bleibt aus Wir stehen wieder vor der Krippe. Vor dem Kind, vor Maria, vor den vertrauten Bildern. Und vielleicht ist das Erschreckende nicht, dass sie uns nichts mehr sagen – sondern dass sie uns keine Antwort mehr geben. Nicht, weil Gott schweigt. Sondern weil es keine Stimme mehr gibt, die uns entlastet. Ich kann mit dem Gerede von Gott, Inkarnation, Avataren nichts mehr anfangen. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Ermüdung. Die Sprache verspricht Antwort, wo keine mehr zu erwarten ist. Der Satz, der mir daraufhin kam, kam nicht von außen. Er war kein Wort Gottes, keine innere Stimme, keine Offenbarung: Du kannst damit nichts anfangen, weil du das schon längst alles bist. Das Gespräch fand nicht statt. Und genau das ist der Punkt. Es wurde keine Antwort gegeben. Es gab nur die Antwort, die ich mir selbst geben konnte – und die ich mir nicht aussuchen konnte. Vielleicht ist das der eigentliche Skandal der Weihnacht für uns westliche Theologen: Die Krippe gi...

Siva Mirror

Siva wird in vielen Darstellungen mit  geschlossenen Augen  gezeigt – versunken in Meditation, zurückgezogen aus der Welt. Doch das bedeutet nicht Blindheit, sondern ein  Sehen in die Tiefe , ein  inneres Gewahrsein . In der tantrischen Tradition ist Shiva das  Cit , das reine, augenlose Bewusstsein – das nicht durch Pupillen blickt, sondern  alles durchdringt . Siva sieht nicht – er ist das Sehen! Shiva als Spiegel: In der indischen Bildsprache wird Shiva oft als Spiegel der Wirklichkeit dargestellt – manchmal auch mit Lingam als Zentrum kosmischer Energie. Wenn du den Spiegel betrachtest, hat er kein Gesicht, keine Pupillen, keine Mimik. Und doch: Er gibt dir dein Bild zurück – genauer, als du es selbst je gesehen hast, weil Du dich selbst sehen kannst. Und wenn er bricht, zeigt er nicht weniger – sondern mehr - in ganz anderen Perspektiven. So wird  der Spiegel selbst zum Symbol Shivas : Formlos  – aber er formt alles ab Augenlos  – aber e...

Ein Hund im Tempel

  Ein Hund im Tempel – Sicherheitslücke oder Gotteszeichen? Zur theologisch-kulturellen Bedeutung eines Vorfalls im Arunachaleswarar-Tempel Ein Mann betritt den heiligen Tempel von Tiruvannamalai mit seinem Hund. Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Szene wirken mag – ein Pilger, ein Tier, ein Ort des Gebets – hat einen ganzen Behördenapparat aufgeschreckt: Polizei, Tempelverwaltung, Öffentlichkeit. Warum? Weil die Wirklichkeit in Indien, wie überall, mehrschichtig ist – politisch, rituell, symbolisch, spirituell. 1. Der sicherheitspolitische Reflex – und seine Berechtigung Zuerst: die Polizei. Sie ermittelt nicht, weil ein Hund ein Tempelritual verletzt hätte, sondern weil der Mann die mehrstufigen Sicherheitsbarrieren an einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Südindiens durchbrach – unkontrolliert, unbeachtet, unregistriert. Ein solcher Vorfall öffnet Türen für ganz andere Szenarien: Was, wenn es morgen ein Attentäter ist? Gerade Tiruvannamalai, wo sich Pilger aus all...