Die Waffen Durgas
Als die Götter Mahishasura nicht besiegen können, geben sie Durga ihre Waffen.
Sie erhält nicht nur eine einzige Waffe.
Sie erhält viele.
Fast so, als ob die alten Erzähler gewusst hätten, dass es für die Begegnung mit dem Dämon keine einzige Lösung gibt.
Traumata verhalten sich ähnlich.
Wer versucht, sie ausschließlich durch Verstehen zu bewältigen, scheitert oft. Wer nur fühlt, scheitert ebenso. Wer nur handelt, ebenfalls. Es braucht verschiedene Kräfte.
Vielleicht deshalb trägt Durga so viele Waffen.
Das Schwert
Das Schwert trennt. Es unterscheidet. Es durchschneidet Verwirrung.
Bei Traumata könnte dies die Fähigkeit sein zu erkennen:
Das geschieht jetzt. Das geschah damals. Diese Angst gehört in die Vergangenheit. Mein Körper reagiert heute noch so, als wäre die Gefahr gegenwärtig.
Das Schwert trennt Vergangenheit und Gegenwart.
C.G. Jung spricht von Bewusstwerdung.
Der Mensch beginnt zu unterscheiden:
- Was gehört zu mir?
- Was wurde mir aufgeprägt?
- Was ist Gegenwart?
- Was ist Vergangenheit?
Das Schwert entspricht der Funktion des Bewusstseins, das Unterscheidungen treffen kann.
Ohne diese Fähigkeit bleibt alles vermischt.
Der Speer
Der Speer durchdringt. Er geht direkt auf sein Ziel zu. Traumata erzeugen häufig Umwege.
Vermeidung. - Ablenkung. - Flucht.
Der Speer steht für den Mut, auf das zuzugehen, was man jahrzehntelang umkreist hat. Nicht aggressiv. Aber direkt.
Der Speer zielt auf den Schatten.
Der Schatten ist einer der zentralen Begriffe C.G. Jungs.
Er bezeichnet jene Persönlichkeitsanteile, die wir nicht wahrhaben wollen.
Der Speer geht direkt auf sein Ziel zu.
Er steht für die Bereitschaft, den Schatten nicht länger zu umgehen.
Viele Traumafolgen erscheinen zunächst als "Fehler" des Menschen.
Jung würde fragen:
Was will sich hier zeigen?
Was wurde ausgeschlossen?
Der Bogen
Der Bogenschütze handelt aus Distanz. Er muss nicht alles unmittelbar berühren. Das ist bemerkenswert. - Traumatherapie besteht nicht darin, sich in Erinnerungen hineinzustürzen.
Manchmal ist Abstand die eigentliche Heilung. Man betrachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung. Der Pfeil trifft dennoch sein Ziel.
Bemerkenswert ist, dass Jung nie forderte, sich völlig in traumatische Inhalte hineinfallen zu lassen.
Er entwickelte die Methode der aktiven Imagination.
Der Mensch bleibt Beobachter und tritt zugleich in Beziehung zu den inneren Bildern.
Genau das entspricht dem Bogen: Nähe und Distanz zugleich.
Der Schild
Der Schild wird oft vergessen. Doch ohne Schutz wäre keine der anderen Waffen nutzbar. Menschen mit Traumata benötigen sichere Orte. Sichere Beziehungen. Sichere Rituale. Der Schild sagt: Du musst nicht schutzlos kämpfen.
Mit C.G.Jung wäre das Schild = Das Ich
Jung betonte die Bedeutung eines stabilen Ichs.
Ohne ein ausreichend tragfähiges Ich kann die Begegnung mit dem Unbewussten gefährlich werden. Der Schild schützt das Ich. Er verhindert, dass archetypische Kräfte den Menschen überwältigen.
Der Dreizack
Der Trishula ist die Waffe Shivas. Drei Spitzen.
Viele Deutungen sind möglich.
Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft.
Oder: Körper. Gefühl. Gedanke.
Traumata wirken auf allen drei Ebenen gleichzeitig. Integration geschieht ebenfalls auf allen drei Ebenen.
Die Schlinge
Eine seltsame Waffe. Sie tötet nicht. Sie hält fest. Sie bindet. Vielleicht steht sie für etwas, das in der Traumaarbeit oft übersehen wird:Manche Erinnerungen müssen nicht vernichtet werden. Sie müssen gehalten werden. Sie dürfen nicht länger unkontrolliert durch das Leben rasen. C.G. Jung geht soweit und sagt: "Das Trauma kann zur Medizin werden".
Mit C.G.Jung: Beziehung statt Vernichtung
Hier wird Jung besonders modern. Viele spirituelle Traditionen wollen den Dämon vernichten. Jung dagegen fragt:
Was bedeutet er? Was will er mitteilen? Die Schlinge hält fest. Der Inhalt wird nicht zerstört. Er wird in Beziehung genommen. Er wird sozusagen in die Pflicht genommen.
Der Donnerkeil
Der Vajra. Unzerstörbar. Plötzlich. Durchschlagend.
Viele Betroffene berichten von Augenblicken, in denen sie auf einmal erkennen: Das war Missbrauch. Das war Vernachlässigung. Das war nicht normal.
Solche Einsichten können wie ein Blitz einschlagen.
Jung beschreibt Augenblicke, in denen plötzlich etwas ins Bewusstsein einbricht - Archetypische Erkenntnis
Eine Einsicht. Ein Traum. Eine Synchronizität. Etwas wird schlagartig klar. Nicht durch logisches Denken. Sondern weil ein tieferer Zusammenhang sichtbar wird.
Das gleicht dem Vajra.
Das Rad
Das Rad dreht sich. Traumata erscheinen oft zyklisch. Immer wieder dieselben Muster. Dieselben Beziehungen. Dieselben Konflikte. Durga trägt das Rad nicht, um die Bewegung zu stoppen. Sondern um sie zu beherrschen. Das Muster wird sichtbar. Dadurch verliert es Macht.
Mit C.G. Jung: Individuation
Der vielleicht wichtigste Begriff Jungs. Individuation bedeutet nicht Perfektion. Sie bedeutet, allmählich zu dem Menschen zu werden, der man eigentlich ist. Dabei tauchen dieselben Konflikte oft wieder und wieder auf. Das Rad dreht sich. Aber jede Umdrehung geschieht auf einer anderen Ebene.
Der Löwe - das reittier
Der Löwe keine Waffe. Er ist Durgas Reittier. Vielleicht ist er die wichtigste von allen.
Der Löwe ist die rohe Lebenskraft. Die Fähigkeit zu lachen. Zu essen. Zu tanzen. Sich zu verlieben. Musik zu machen. Reisfelder anzusehen. Menschen zu begegnen.
Traumata rauben oft genau diese Kraft. Durga erscheint nicht auf einem Pferd. Nicht auf einem Kriegswagen. Sondern auf dem Tier der Lebendigkeit.
Der Löwe ist mit C.G.Jung die Libido.
Hier muss man Jungs Begriff der Libido von Freuds Sexualtheorie unterscheiden. Für Jung ist Libido die gesamte psychische Lebensenergie. Schöpferische Kraft. Neugier. Liebe. Musik. Religiöse Erfahrung. Begeisterung. Der Löwe unter Durga könnte genau diese Lebensenergie verkörpern.
Der Dämon versucht sie zu verschlingen.
Durga reitet auf ihr.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe der Geschichte.
Mahishasura wird nicht durch eine einzige Waffe besiegt.
Und Traumata werden selten durch einen einzigen Durchbruch integriert.
Es ist ein längerer Kampf. Mal hilft das Schwert der Unterscheidung. Mal der Schild des Schutzes. Mal der Speer des Mutes. Mal die Schlinge des Haltens. Und manchmal geschieht etwas Seltsames:
Während der Mensch noch auf die Waffen blickt, bemerkt er plötzlich, dass Durga selbst längst anwesend ist. Nicht als Technik. Nicht als Methode. Sondern als jene Kraft, die den Kampf überhaupt erst möglich macht.
C.G. Jung würde sagen: "Durga ist ein Archetyp des kollektiven Unbewussten."
ich beschreibe es anders:
Nicht das Auftauchen eines inneren Bildes, sondern die Erfahrung einer Gegenwart, die mir entgegenkommt, mich ansieht, mich begleitet, mit mir ins Flugzeug steigt und die Haustür mit mir aufschließt.
Genau dort beginnt die Grenze der Jungschen Psychologie. Für Jung bleibt Durga letztlich eine Gestalt der Psyche. Für den gläubigen Shaiviten ist sie eine Wirklichkeit, die sich der Psyche bedient, aber nicht in ihr aufgeht.
Diese Spannung muss man vermutlich nicht auflösen.
Gerade sie macht die Frage interessant. Ist Durga ein Archetyp – oder ist der Archetyp vielleicht die psychologische Spur, die eine reale Begegnung im Menschen hinterlässt? Das ist eine Frage, die Jung offenlassen würde und die ein Shaivit vermutlich ganz anders beantworten würde.
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