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Weihnachtsbrief aus Süd-Indien

Weihnachtsbrief – Die Antwort bleibt aus
Wir stehen wieder vor der Krippe.
Vor dem Kind, vor Maria, vor den vertrauten Bildern.
Und vielleicht ist das Erschreckende nicht, dass sie uns nichts mehr sagen –
sondern dass sie uns keine Antwort mehr geben.
Nicht, weil Gott schweigt.
Sondern weil es keine Stimme mehr gibt, die uns entlastet.
Ich kann mit dem Gerede von Gott, Inkarnation, Avataren nichts mehr anfangen. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Ermüdung. Die Sprache verspricht Antwort, wo keine mehr zu erwarten ist.
Der Satz, der mir daraufhin kam, kam nicht von außen. Er war kein Wort Gottes, keine innere Stimme, keine Offenbarung:
Du kannst damit nichts anfangen,
weil du das schon längst alles bist.
Das Gespräch fand nicht statt.
Und genau das ist der Punkt.
Es wurde keine Antwort gegeben.
Es gab nur die Antwort, die ich mir selbst geben konnte –
und die ich mir nicht aussuchen konnte.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal der Weihnacht für uns westliche Theologen:
Die Krippe gibt keine Antwort.
Sie erklärt nichts.
Sie löst nichts.
Sie rechtfertigt nichts.
Sie entzieht jede Autorität, die für uns sprechen könnte.
Was wir sehen, ist kein sprechender Gott, sondern ein radikal offenes Leben. Ein Kind, das nichts erklärt und nichts verspricht. Keine Lehre, keine Moral, keine Sicherung.
Wenn es so etwas wie Inkarnation gibt, dann nicht als göttliche Intervention, sondern als Entzug von Antwort. Gott wird nicht Stimme, sondern Stille. Nicht Erklärung, sondern Zumutung.
Und damit verschiebt sich alles.
Schuld lässt sich nicht mehr delegieren.
Es gibt kein Wort von oben, das sie relativiert.
Schuld bleibt das, was im Raum zwischen mir und dem Anderen geschieht –
wenn ich mich entziehe, obwohl Beziehung möglich gewesen wäre.
Verantwortung lässt sich nicht mehr abgeben.
Sie beginnt nicht mit göttlichem Gebot, sondern mit der Tatsache,
dass mein Inneres Wirkung hat – auch ohne Legitimation.
Begehren kann nicht mehr entschuldigt werden,
aber auch nicht moralisch abgewehrt.
Es ist nichts anderes als der riskante Versuch von Beziehung
ohne Garantie.
Und selbst der Rückzug verliert seine Unschuld.
Er bleibt manchmal notwendig,
aber er ist nie bedeutungslos.
Wenn es keine Antwort mehr gibt, die uns entlastet,
dann bleibt nur die Antwort, die wir selbst geben können.
Nicht frei.
Nicht souverän.
Nicht heroisch.
Sondern exponiert.
Vielleicht ist das der Grund, warum uns die Weihnachtsgeschichte nichts mehr sagt:
Weil wir von ihr Antwort erwarten, wo sie uns in Wahrheit nur eines zumutet –
dass wir antworten.
Die Krippe ist kein Trost.
Sie ist der Ort, an dem die letzte Ausrede endet.
Und vielleicht ist genau das ihre Wahrheit.

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