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Die Tochter des #Jairus


Markus-Evangelium  Kapitel 5,21-43 (in Auswahl).
Jesus erweckt ein verstorbenes Mädchen wieder zum Leben.
Für den Kindergottesdienst liest sich die Einführung in diese Erzählung über Jesus so:
"Ich bin der Stärkste!", sagte Timo zu seinen Freunden, "Ich kann alles!" Er wollte nur ein bisschen angeben. Aber er hatte nicht mit der Reaktion von Lars gerechnet: "Dann mach doch bitte meine Schwester wieder gesund, sie ist schwer krank." Das konnte Timo natürlich nicht, deshalb wurde er ganz still.
Kein Mensch kann alles, aber ich kenne jemanden, der alles kann: Jesus. Jesus kann alles, deshalb vertraue ihm.
Soweit eine Einleitung zu einem Kindergottesdienst. Aber geht das so? Sind Kinder nicht aufmerksam und bekommen mit, wenn man Ihnen etwas vormachen will?
Deshalb das Ganz jetzt für uns Erwachsene. Jesus spricht: „Stehe auf“ und das Mädchen erhebt sich. Welcher Dialog setzt zwischen beiden ein?
Das Mädchen: Was tust Du, Jesus. Tausend andere Kinder sind gestorben und die machst mich auferweckt vom Tode?
Jesus: Es war Dein Vater, der die Chance ergriff; sein Glaube hat ihn zu mir geführt und dich von den Toten zu den Lebenden gerufen.
Mädchen: Nun stehe ich in der Sonne; aber unzählige liegen im Schatten. Denen wird nicht geholfen. Ist Gott so ungerecht? Ist Gott so willkürlich?
Jesus: Wer sagt, dass Gott gerecht ist? Wer sagt, dass er ungerecht ist? Inmitten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist er zu finden. Dem Richtenden fällt er nicht in den Arm, und wer Unrecht tut, wird sich seiner Ungerechtigkeit freuen. In dieser Grässlichkeit belässt Gott die Welt.
Mädchen: Aber die Gerechten fordern Gottes Gerechtigkeit ein; er wird sie erhören.
Jesus: Wie wird er sie erhören? Indem er Pest und Schwefel schickt, die Ungerechten vernichtet? Das wünschen sich sehnlichst die Gerechten und werden selbst zu denen, die da Unrecht begehen. Wird er nicht vielmehr mit seiner Friedfertigkeit alle zur Strecke bringen? Wird nicht seine Liebe sie alle auslöschen? Wird nicht seine Barmherzigkeit sie alle ersäufen? Wird nicht seine Ohnmacht sie alle richten?
Mädchen: Der Bischof sagt: Gott hat das Virus nicht geschickt!
Jesus: Hat er? Hat er nicht? Was ist schon daran, wenn wieder eine Gottesvorstellung zusammenbricht. Muss Gott nicht den Tod tausender Bilder sterben, in die er beständig eingekerkert wird?
Mädchen: Kannst Du nichts machen?
Jesus: Nein, ich kann nichts. Ich kann nicht heilen, ich kann nicht retten, ich kann nicht vom Tode auferwecken. Einst werde ich nicht einmal mir selbst helfen und mich selbst retten können. Immer sage ich: Dein Glaube hat Dir geholfen.
Mädchen: Den Satz hört man freilich nicht, bei Supermann nicht und bei Batmann nicht, und auch von James Bond habe ich ihn noch nie gehört.
Jesus: Noch einmal: Nicht: Dein Glaube an mich hat Dir geholfen. Sondern nur: Dein Glaube hat Dir geholfen. Binde dich nicht an ein Bild von mir. Binde dich nicht an ein Gottesbild, dass andere dir einzubrennen versucht haben. Trete frei hin zu Deinem Gott. Fordere ein! Bedränge ihn! Drohe ihm! Das ist rechter Gottesdienst!


Liebe Presbyterinnen und Presbyter, ich erlebe häufig in Seminaren, dass Studierende in bester Absicht biblische Erzählungen kindgerecht trivialisieren und Welten aufbauen, deren Versprechungen sie aber gar nicht einhalten können. So wie zu Beginn Timo, dem glaubend gemacht werden soll, daß Jesus alles kann und deshalb diesem Jesus unbedingt zu vertrauen ist. Vertrauen ist gut, aber Vertrauen in einen Superman hilft nicht unbedingt im Leben weiter.
Deshalb folgte dieses fiktive Gespräch zwischen Jesus und dem totgesagten Mädchen (Jesus hätte es sich wahrscheinlich verwahrt, so von mir in Beschlag genommen zu werden J). Das dieses wieder zum Leben gerufen wird ist keine Helden-, keine Super-Tat Jesu, sondern eine Folge dessen, dass der Vater unbedingtes Vertrauen zu ihm hatte. Dieses Vertrauen war aber ein offenes Vertrauen: Sieh hin zu meiner Tochter, sieh das an und sage, ob das so gut ist. Das eigentliche Wunder ist, dass Vater und Umstehende zum Glauben kommen, und dieses „zum Glauben kommen“ besagt: wir können Gott bitten, bedrängen, fordern … aber darin liegt keine Garantie, dass alles so kommt, wie wir es uns wünschen. Nicht die erfüllte Bitte ist das Ziel, sondern unsere lebendige Beziehung zu Gott ist das Ziel.
Gerade in diesen Tagen, da der Coronavirus die Menschheit bedroht, wird oft besonders schmerzlich bewusst, wie sehr die evangelische Kirche Glaubensdinge verniedlicht und infantilisiert. Zum Beispiel: daß Gott ein Gott des Lebens sei und unser Leben will. Will er gar nicht, behaupte ich. Wenn dann will Gott das ewige Leben für uns. Ewiges Leben heisst aber nicht, endlos leben, sondern erfüllt leben. Wir sollen nicht leben, sondern vielmehr brennen in unserer Liebe zu Gott wie zu unserem Nächsten. In und zwischen uns, da zeigt sich dieses Leben, und nur da, und Tote können lebend werden.
Ihr Norbert Ammermann, ev. Pfarrer


Exegetischer Blick:
Im Totenzimmer ergreift Jesus die Hand des gestorbenen Mädchens. Die Wundervorstellung ist über das Antike hinausgehend: kein geheimnisvolles Wirken, sondern zu denken ist an Jahwes schützende, helfende Hand (ähnlich Psalm 37,24: „Ob er auch strauchelt, er stürzt nicht hin. Denn der Herr ergreift seine Hand“). Die Wirkung des Wunders ist an das Wort gebunden. Der unverständliche Text des für die griechischen Hörer unverständlichen Aramäischen wird übersetzt und erscheint als ein Wort, das auch die Eltern gesprochen haben könnten, um morgens ihre Tochter zu wecken. Als besonderes Wort zeigt es sich durch das „Ich aber sage dir“, daß an die Einleitung eines Gotteswortes durch die Propheten erinnert „So spricht der Herr“, jetzt aber von Jesus persönlich angewendet wird.
Jesus gebietet, von dem Vorfall zu schweigen. Es geht nicht um ein Wunder, sondern um die Rettung des Menschen durch Gott. Markus schafft hier eine Blockade gegen ein einseitiges naives Wunderverständnis.




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