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Der ungläubige Thomas

Der ungläubige Thomas wird immer gern diskreditiert. Am Tage nach der Erscheinung des Herrn sagen ihm die Jüngerinnen und Jünger, wir haben den Herrn gesehen. Und er will ihnen nicht so recht glauben und gibt als Kriterium die Wundmale des Gekreuzigten an, die er erst zu sehen wünscht. Schon von vornherein blickt die kirchliche Auslegung leicht scheel auf diesen Möchtegern-Wissenschaftler, der Beweise verlangt, anstatt sich durch das Zeugnis der Jüngerinnen und Jünger inspirieren zu lassen.
Bis heute stehen Theologie und Wissenschaft in einem Spannungsverhältnis zueinander. Gern immunisiert sich die Theologie und sagt, es gehe in ihren Inhalten um den Glauben und nicht um wissenschaftlich beweisbare Tatsachen. Überhaupt, was sei schon die Wissenschaft? Die Welt sei doch vielmehr, und eigentlich könne die Wissenschaft in Fragen des Glaubens nicht mitreden.
Die Wissenschaft wiederum begegnet der Theologie meist achselzuckend. Sie will in Glaubensfragen gar nicht darein reden; aber während dich die Jüngerinnen und Jünger im Glanz ihrer Auferstehungserfahrungen sonnen, fragt sie mühsam nach den Kriterien, denen Aussagen Stand halten müssen.

Dabei stellt Thomas gar nicht die Erscheinung des Auferstandenen in Frage. Sondern er fragt nach der Identität dessen, der gestorben ist und dessen, den die Jünger als Auferstandenen preisen. Er fragt, ob beide identisch sind. Damit aber stellt er die Auferstehungserfahrung der Jüngerinnen und Jünger auf die Füße. Auferstandene und in den Himmel gefahrene Helden gab es viele zur Zeit Jesu; die Sagenwelt quoll davon über. Indem - nach dem Evangelium nach Johannes - Jesus selbst sich dem Wissenschaftler Thomas stellt, seine Überprüfung zuläßt, wird gesagt, die Jüngerinnen und Jünger haben es nicht mit einer Sage, einem Mythos zu tun, sondern mit einer neuen Realität. Ohne den zweifelnden Thomas wären die Auferstehungsberichte als nette Märchen geendet.

Das zur Ehrenrettung des Thomas. Darüberhinaus muss gesagt werden: wo Glaube sich der Wissenschaft entkoppelt, wird er im schlimmsten Fall zur Fratze, zur Dämonie. Die Fanatismen gerade des christlichen Glaubens haben über Hexenverfolgung, Seuchenverniedlichung, kruder Rassengenetik unendliches Leid über die Menschheit gebracht. Der skeptische Wissenschaftler Thomas gemahnt uns daran, unsere Vorstellungen und Projektionen zu hinterfragen - oder theologisch an der Identität des irischen und auferweckten Jesus zu binden.

Nun höre ich schon die ganz Schlauen: Ja, aber sagt Johannes nicht dagegen: selig sind die, die nicht gesehen haben und doch glauben?

Ja sicher, ihr Schlaumeier: Weil da einer oder wenige die wissenschaftliche Skepsis immer wieder auf sich genommen haben und nehmen, können wir heute Epidemien wie Corona anders angehen als in früheren Zeiten, und dafür sollten wir beiden danken, Jesus wie Thomas.

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